
oder "Paralleluniversum zwischen Kinderzimmer und Teenieroom"
Seit Wochen herrscht im Hause der Familie Sonnenschein ein rauer Wind. Bevorzugt pfeift dieser aus dem Kinderzimmer. Oft noch ist es ein laues Lüftchen - immer dann, wenn der Sonnenschein-Junior tief versunken zwischen den LEGO-Steinen hockt und die tollsten StarWars-Raumschiffe nachbaut. Den Zustand seines Zimmer nennt der erfahrene Pädagoge übrigens Grob- und/oder Schüttordnung - wäre lt. Erziehungsratgeberhandbuch völlig normal... Kinder würden diese Form der Ordnung bevorzugen. Gefolgt von Häufchenordnung - da würde Mutters Herz schon Luftsprünge machen, sie wäre zu Tränen des Glückes gerührt, würden sich die getragenen Socken, Unterhosen, T-Shirts und sonstige Wäsche zu kleinen feinen Häufchen zusammenfinden, anstatt wahlweise unter dem Bett, zwischen den Kissen oder Kuscheltieren, hinter den Büchern, neben dem Schreibtisch herumzuliegen ... - anderes Thema ...
Das Kind baut also hübsch vor sich hin ... - und plötzlich, so aus dem nichts heraus - zack! Sitzt da kein in seine Phantasiewelt versunkenes Kind zwischen sein grobgeordneten LEGO-Steinen. Sondern ein rotziger Teenie. So richtig ... pubertätsgebeutelt. Von Null auf Hundert.
Bitte und Danke - Fehlanzeige. "Kann ich den Laptop?" blafft das Testosteron-Alien?
"Könntest du bitte ganze Sätze formulieren?" antworte ich und versuche, die Ruhe zu bewahren angesichts des Kasernenhofuntertones, der in der unvollständig formulieren Anfrage des Kindes ehm Testosteron-Aliens mitschwingt.
Genervtes Augenrollen und die Ergänzung "kann ich jetzt? oder nicht?" - das "bitte" folgt Sekunden später nur nach entsprechendem Blick meinerseits, keineswegs freiwillig und äußerst genervt ...
Wir hängen fest in unserem Paralleluniversum - seit Wochen. Mal Kind, mal Teenie. Mal kuschelweich und mal kratzbürstig. Mal einsichtig, mal stur wie Beton ...
Auf Mutters Nachttisch stapeln sich schon lange nicht mehr die Romane, sondern die Fachbücher - mittlerweile bin ich biologisch bestens gebildet hinsichtlich pubertärer Veränderungen und auch tiefenpsychologisch bin ich auf dem aktuellen Stand. Nur eines scheint mir nicht zu gelingen: wie wende ich das Wissen an?
Ich fühle mich, als hätte mir jemand 'nen Bausatz für ein Auto vor die Tür gestellt - mit ALLEN Schrauben und Teilchen. Also der vollständige Bausatz und wie das Ergebnis ausschauen soll, kann ich dem beigelegten Foto entnehmen - wie ich das Auto baue, darf ich mir bitte selbst überlegen ...
Ja, ich weiß, das Kind brauch mich jetzt mehr denn je - aber wie bitte umarmt man einen Kaktus???? Ja, ich weiß, das Kind braucht Sicherheit und Regeln, die ihm diese Sicherheit vermitteln, aber wie soll das funktionieren, wenn selbst die einfachsten Regeln zu mehrminütigen Diskussionsrunden führen? Hört das auf? Wann? Was hilft außer sich-gegenseitig-auf-den-Nerv gehen, Türknallen, Tränen auf beiden Seiten (meine heimlich nachts ins Kissen oder ins Pyjamaoberteil des Papas, der genauso "leidet" wie ich ...) und dem Wunsch, manchmal einfach auch am Wochenende 8 Stunden ins Büro zu flüchten, um sich diesem Wechselbad der Gefühle nicht mehr auszusetzen??? Himmel nochmal, ich liebe das Sonnenschein-Kind und bin schon ganz gespannt auf den Sonnenschein-Jungenmann, der da heranwächst - aber könnten wir bitte diese Alienphase überspringen? Wo ist die Vorspultaste?
Ich glaube ja, dass die Natur das ganz schlau genau SO eingerichtet hat - das Kind wird vorübergehend zu einem ganz ekelhaften Testosteron-Alien, damit die Mamis und Papis sich gaaaaaaaaaaaaaanz langsam wünschen, dass dieses Alien auszieht ... - so fällt der Abschied hernach nicht so schwer, wenn aus dem Alien ein junger Mann geworden ist, der wirklich ins eigene Leben startet.
So werde ich wohl langsam lernen müssen, das Testosteron-Alien im Kinderzimmer auch liebzuhaben und ihm die Sicherheit und Geborgenheit zu geben, die es braucht, damit aus dem Sonnenschein-Kind ein Sonnenschein-Mann wird ...